the why and the how
Master Studio, AD, Auslandsprojekt
Internationales Sommerstudio Pristina
Prof. Frederik Künzel
LB Nina Zerbs
dienstags, 10:00 Uhr
Raum 214
Working on the inner-city archipelagos of Pristina, a legacy of self-managing socialism. Let's create housing islands, open enough for a young and thriving urban society and structured enough to be useful as a living environment for families. Our proposals will give new meaning to monuments of the past and the public realm of their surroundings. While adding space for housing, we can help to shape loose public space as well as we can develop strategies, that can be occupied by its future inhabitants, bringing in their own building skills and crafts.
Das vormalige Jugoslawien schlug in der Neuordnung nach dem Zweiten Weltkrieg gegenüber dem Ostblock einen alternativen Weg ein. Dieser basierte auf der Idee einer sozialistischen Arbeiterselbstverwaltung, einem Konzept zwischen sozialistischen Idealen und marktorientierter Planwirtschaft. Konflikte zwischen den Idealen der Marktwirtschaft und der Planwirtschaft, zwischen der Freiheit des Individualismus und dem Kollektivismus einer Ein-Partei-Politik waren damit vorprogrammiert. Architektur und Planung sollten eine vermittelnde Rolle übernehmen: auf der Suche nach einem realen Ausdruck neuer Formen des Zusammenlebens.
Das Prinzip der Selbstverwaltung eröffnete Architekt*innen einen erstaunlich großen Handlungsspielraum. Die politische Elite hoffte, ihre theoretischen Ideen durch Architektur zur gebauten Realität werden zu lassen. Die neuen Lebensweisen der proletarischen Gesellschaft sollten vor allem im Wohnungsbau ihren praktischen Ausdruck finden. Der alternative gesellschaftliche Weg sollte sich in Wohnformen und Siedlungsmodellen materialisieren. Nach Maroje Mrduljas in Architecture for a Self-Managing Socialism wird der Wohnungsbau zum Ausdruck einer neuen urbanen Arbeitergesellschaft mit emanzipierter („the why“) und moderner („the how“) Lebensweise. Daraus entwickelte sich bis in die 1980er Jahre eine Wohnungsbauproduktion, die von experimentellen Grundrissen und Konstruktionsformen sowie von der Suche nach einer eigenen Architektursprache geprägt war.
Auch die Stadt Pristina ist eine unverkennbare Zeugin dieser Zeit. Heute zeigt sie sich mit einer erstaunlich jungen Demografie und einer spürbaren Aufbruchstimmung als eine Stadt, die sehr schnell wächst. Die ideologischen Modelle des Selbstverwaltungssozialismus waren eher Ideen einer Elite und damit auch in Pristina nur ein Teil des tatsächlichen, pragmatischen Stadtwachstums. Im Wohnungsbau dominierten und dominieren vielfach traditionelle Mechanismen: Die Weitergabe von Land und Haus über Generationen sowie die Regelung, wer wie und wo baut, erfolgen familiär. Gebaut wird in Eigenleistung.
Ohne planerische Regeln führt dies jedoch schnell zu suburbaner Zersiedlung. Parallel dazu hält mit einer wenig regulierten Marktwirtschaft das hochkommerzielle Bauen Einzug in Pristina. Blöcke, Büro- und Wohntürme, teils von internationalen Entwicklern und Investoren, sprießen aus dem Boden.
Im Kern der Stadt Pristina hingegen ist noch viel Raum vorhanden. Die großen öffentlich-kollektiven Bauten als Ausdruck der sozialistischen Gesellschaft und ihre immensen Außenrauminszenierungen erzeugen weite, lose Zwischenräume. Derzeit meist von Autos okkupiert. Stark befahrene Durchgangsstraßen formen Archipele: Inseln, in deren Mitte jeweils ein maßstabsloses Zeichen des ehemaligen Regimes steht. Diese Inseln im Zentrum von Pristina bieten die Chance, innerstädtischen Wohnraum zu etablieren, der zugleich lebenswert und urban ist. Wohnraum, der robuste städtische Räume erzeugt und dennoch flexibel genug bleibt, um Familien aufzunehmen. Wohnraum, der klar durchdacht ist und Konzepte zum Selber- und Weiterbauen integriert, um gewachsenen Familienstrukturen gerecht zu werden.
Entwerfen Sie mit uns Wohninseln, die spezifische Qualitäten für Pristina und seine junge Bevölkerung entwickeln. Erarbeiten wir Entwürfe urbaner Archipele, die das Erbe des selbstorganisierten Sozialismus nicht negieren und zugleich jungen Familien eine brauchbare Alternative zum suburbanen Sprawl bieten.
Eine 5 tägige Exkursion Mitte April nach Pristina gehört zum Leistungsumfang.
Erstes Treffen und Einführung:
Dienstag, 24.03.26, 10:00 Uhr, Raum 214