Theories of Ecstasy
Theorie 1, AD
LB Nina Zerbs
LB Ames Kader
Freitags, 10:00 Uhr
Raum N221, Infanteriestraße
Subkulturelle Ereignisse brauchen Räume. Im Zentrum des Seminars stehen Kulturräume jenseits klassischer Hochkultur: Clubs, Festivals, selbstorganisierte Veranstaltungsorte, temporäre Ausstellungsräume und andere Formen kollektiver Öffentlichkeit. Sie entstehen häufig dort, wo bestehende Nutzungen verschwunden sind, Gebäude ihre ursprüngliche Funktion verloren haben oder Orte nur für begrenzte Zeit verfügbar werden. Industriehallen, Bunker, Kirchen, Infrastrukturbauten oder brachliegende Flächen werden angeeignet, umgedeutet und mit neuen kulturellen Bedeutungen überschrieben.
Im Theorieseminar MA21 möchten wir untersuchen, wie solche Räume entstehen, wie sie sich verändern und wodurch sie zu identitätsstiftenden Orten werden. Ausgangspunkt sind unterschiedliche Formen räumlicher Transformation: umcodierte Machträume, institutionalisierte Umnutzungen, informell angeeignete Räume der Club- und Subkultur, bewusst entworfene Veranstaltungsarchitekturen sowie ephemere Orte, deren Wirkung eng mit einem bestimmten kulturellen Moment verbunden ist. Beispiele wie Berghain, Tresor, Blitz, Hacienda oder Horst Festival dienen dabei nicht nur als Referenzen, sondern als Ausgangspunkte für die Frage, wie Architektur kulturelle Identität mitprägt.
Dabei interessiert uns nicht allein das fertige räumliche Ergebnis, sondern vor allem der Prozess seiner Entstehung. Welche Qualitäten sind bewusst entworfen? Welche entstehen erst durch Nutzung, Aneignung, Improvisation oder Wiederholung? Welche Rolle spielen Material, Licht und Dunkelheit, Sound, Zugang, Schwellen, Sichtbarkeit, Rückzug und Bewegung? Und wie wird aus einer zunächst funktionalen Infrastruktur ein Ort, mit dem sich eine Gemeinschaft identifiziert?
Gerade bei kulturellen Zwischennutzungen lässt sich diese Entwicklung nicht losgelöst von ihren gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen betrachten. Temporäre Nutzungen können Freiräume eröffnen, neue Öffentlichkeiten schaffen und Orte aktivieren, die innerhalb konventioneller Planungsprozesse kaum entstehen würden. Gleichzeitig können sie Teil von Aufwertungsstrategien werden, kulturelles Kapital erzeugen und langfristig zur Verdrängung genau jener Nutzungen beitragen, die einen Ort zunächst geprägt haben. Themen wie Informalität, Stadtentwicklung durch Zwischennutzung, Artwashing, Permanenz und Temporalität sowie Fragen nach Vergabe, Sicherheit und Sichtbarkeit bilden deshalb einen weiteren theoretischen Schwerpunkt des Seminars.
Ein wesentlicher Bestandteil des Seminars ist der direkte Praxisbezug. Exkursionen, Ortsbesichtigungen sowie Gespräche mit Betreiber:innen, Kulturschaffenden und weiteren Akteur:innen dienen dazu, die untersuchten Räume nicht nur aus Publikationen und Plänen, sondern aus ihrer tatsächlichen Nutzung heraus zu verstehen. Im Austausch mit denjenigen, die diese Orte entwickeln, programmieren, betreiben oder aneignen, sollen räumliche Entscheidungen ebenso nachvollzogen werden wie organisatorische, ökonomische und soziale Bedingungen ihrer Entstehung. Die im Semester angelegte Exkursion und die Gespräche mit Gästen bilden dafür einen wichtigen Bestandteil der Untersuchung.
Die untersuchten Architekturen sollen dabei nicht als statische Objekte gelesen werden. Text, Zeichnung, Modell, Animation oder Collage dienen als analytische Werkzeuge, um unterschiedliche Zustände eines Ortes sichtbar zu machen: ursprüngliche Nutzung, Aneignung, Umbau, Betrieb, Veränderung und mögliche Auflösung. Der angelegte Leistungsumfang mit Referat, Einzeltext und einer vergleichenden Darstellung unterschiedlicher Nutzungszustände bildet dafür die Grundlage. Architektur wird damit weniger als abgeschlossenes Produkt denn als zeitliche Sequenz aus Entwurf, Gebrauch, Aneignung und Transformation verstanden.
Parallel zum Theorieseminar entwickelt ein praktisches Fachprojekt Festival- und Partyarchitekturen für das PULSAR Festival bei Nürnberg. Beide Kurse beschäftigen sich aus unterschiedlichen Richtungen mit derselben Frage: Wie entstehen Räume, die über ihre funktionale Aufgabe hinaus Atmosphäre, Erinnerung und kollektive Identität erzeugen? Während das Fachprojekt diese Bedingungen konkret entwirft und in temporäre Strukturen übersetzt, untersucht das Theoriemodul die kulturellen, räumlichen und gesellschaftlichen Prozesse, aus denen solche Orte hervorgehen.
Erstes Treffen und Einführung:
Freitag, 09.10.26, 10:00 Uhr, Raum N221, Infanteriestraße