GROTESQUE COMPOSITES Across Munich West Boulevard
Master Studio, AD
Fellow Steffen Hägele
LB Tina Küng
Dienstags, 11:45 Uhr
Raum N014, Infanteriestraße
In Münchens Westen entsteht mit der Tram-Tangente eine neue öffentliche Erschließung. Wir komplementieren die isolierte Infrastrukturmaßnahme mit stadträumlich-architektonischen Projekten quer zur schnurgeraden Fürstenrieder Straße: Interventionen, die sich freudvoll-spekulativ mit der Vorstadt verschränken.
BAYERISCHER AUTOBAHNBAROQUE
Wie mit dem Lineal gezogen, verläuft die Fürstenrieder Straße kilometerlang von Norden nach Süden, entstanden als herrschaftliche Verbindung vom Schloss Nymphenburg zum namensgebenden Jagdschloss Fürstenried. Ursprünglich wurde sie als monumentale Allee durch das landwirtschaftliche geprägte Münchner Umland angelegt. In der Zwischenzeit wurden die barocken Achsen zu Schneisen für die Schnellstrassen; die Fürstenrieder Straße hat sich in eine sechsspurige Verkehrsachse verwandelt, die die Stadtbezirke durchschneidet.
Momentan wird die neue Tram-Westtangente gebaut, die auf Kosten von Fahrspuren den öffentlichen Verkehr am Stadtzentrum vorbei stärken soll. Die Logik ist allerdings erneut die einer isolierten Verkehrsinfrastruktur. Was auf der Strecke bleibt, ist die Frage des erweiterten städtischen Raums.
Entgegen der Marginalisierung vom öffentlichen Raum, widmen wir uns den stadträumlich-architektonischen Leerstellen entlang der Fürstenried Straße: Der öffentliche Raum als Aufenthaltsort für Menschen und andere Lebewesen und nicht nur als Verkehrsfläche; eine vielfältige Nutzungsmischung mit lebendigen, vorstädtischen Erdgeschoßzonen; eine architektonische Dichte mit einer graduellen Durchlässigkeit und Offenheit; eine Umnutzung und Nachverdichtung im Bestand; eine konsequente Klimaanpassung als gestalterisches Prinzip.
TRANSVERSALE SITUATIONEN
“All I was after was that store-front plane . . . It’s like a Western town in a way, A store-front plane of a Western town is just paper, and everything behind it is just nothing.” Ed Ruscha
Mit einer Kamera auf seinem Pickup fotografierte Ed Ruscha 1966 an einem Tag sämtliche Häuser entlang eines knapp 2 Meilen langen Abschnitts vom Sunset Boulevard in Los Angeles. ‘Every Building on the Sunset Strip’ repräsentiert als ein knapp 8 Meter langes, leporello-artiges Faltbuch die kulissenhafte Qualität der amerikanischen Alltagsarchitektur.
Wir drehen den Vektor um 90° und orientieren uns quer zur Fürstenried Straße. Denn hinter den Fassaden ist nicht ‘nichts’, wie Ruscha lapidar konstatierte, sonder hier findet das städtische Leben statt. Ausgehend von der Hauptstrasse entwickeln wir Projekte hinein in die Tiefe der Stadtteile und wieder zurück. “Across Munich West Boulevard” anstatt “Every Building on the Sunset Strip’”
GROTESK & KOMPOSIT
Was könnte eine Logik des Kompositen für die Stadt bedeuten? Wie können sich neue und alte Teile, Innen- und Aussenräume als Komponenten baulich und programmatisch verschmelzen und verbinden; sich überlagern, durchdringen und ergänzen? Wir entwickeln Komposite aus Bauten und Stadträumen, die sich mal als Einheit präsentieren und mal bewusst durch Brüche, Störungen und Irritationen in Erscheinung treten.
Anstatt formale Kohärenz anzustreben, beschäftigen wir uns mit der Ambiguität des Grotesken, einer künstlerischen Spielart, die Formen in fantastische, irritierende Erscheinungen überführt. Wir testen, wie sich das Groteske als Taktik des Weiterbauens und stadträumlichen Überlagerns nutzen lässt.
“One way to understand the grotesque is to conceive it as a boundary creature, existing only in the tension between distinct realities“ Frances S. Connely
RÄUME FÜR MENSCHEN
Um uns für die spröden Bestandsituation der Fürstenried Straße zu wappnen, werden wir uns vertieft mit den spezifischen Qualitäten von herausragenden Beispielen im Umgang mit Schwellen und Zwischenräumen beschäftigen, wie dem holländischen Strukturalismus von Herman Hertzberger, Aldo van Eyck, Piet Blom und Theo Bosch, sowie mit Bauten aus dem deutschspragigen Raum von Inken und Hinrich Baller sowie von Fosco Fosco-Oppenheim Vogt. Was diese Exponenten auszeichnet ist eine Kultivierung des Schwellenraums zwischen Innen und Aussen, zwischen Öffentlich und Privat; Räume die den zwischenmenschenlichen Austausch und den Gemeinsinn fördern, basierend auf einer zumeist einfachen, pragmatischen Bauweise.
Aufbauend hierauf suchen wir eine zeitgemäße Übersetzung von Hertzbergers Plädoyer für eine „Architektur der Empathie“ sowie einer „Domestizierung von Großgebäuden und Straßen“ in eine lebensfrohe und prägnante Architektur der (Vor-)Stadt.
Erster Termin und Einführung:
Dienstag, 06.10.26, 11:45 Uhr, Raum N014, Infanteriestraße
BAVARIAN AUTOBAHNBAROQUE
Fürstenrieder Straße runs for kilometres from north to south — laid out as a grand allée between Schloss Nymphenburg and Schloss Fürstenried. The baroque axis has since become a six-lane traffic corridor slicing the districts apart. The new Tram-Westtangente is being built at the expense of car lanes, but its logic is once again that of isolated traffic infrastructure. We go beyond the realm of engineering and tackle the often negleted question of public space and living together.
TRANSVERSAL SITUATIONS
In 1966 Ed Ruscha photographed every building on a two-mile stretch of Sunset Boulevard, a scenographic sequence of façades with, in his words, "everything behind it is just nothing." We turn the vector 90°: Behind the façades is where city life takes place. Our projects run from the boulevard into the depth of the neighbourhoods and back out again — Across Munich West Boulevard.
GROTESQUE & COMPOSITE
What might a logic of the composite mean for the city? New and existing parts, interiors and exteriors, fused and layered — sometimes reading as one, sometimes appearing with breaks and irritations. Rather than formal coherence we pursue the ambiguity of the grotesque: a boundary condition that exists in the tension between distinct realities, and a possible tactic for architecture.
SPACES FOR PEOPLE
To prepare ourselves for the harshness of the existing street, we study thresholds and in-between spaces: Dutch structuralism (Hertzberger, van Eyck, Blom, Bosch) and German-speaking positions from Inken and Hinrich Baller to Fosco Fosco-Oppenheim Vogt — architecture that cultivates the zone between inside and outside, public and private. From there we look for a contemporary translation of Hertzberger's plea for an architecture of empathy into a vivid architecture of the (Vor-)Stadt.
First meeting and introduction:
Tuesday, 6th of October 26, 11:45 am, room N014, Infanteriestraße